Woran du eine gute
Kindersendung erkennst

Neun Fragen, mit denen du in zwei Minuten einschätzen kannst, ob eine Sendung deinem Kind guttut. Für jede Kindersendung, nicht nur für unsere.

Aus rund 100 wissenschaftlichen Arbeiten · Stand: August 2026 · Frei zugänglich, ohne Anmeldung

DIE WICHTIGSTE STUDIE ZUERST
565 Familien mussten die Bildschirmzeit nicht kürzen. Sie haben nur etwas anderes eingeschaltet.

Kinder zwischen drei und fünf Jahren, per Zufall in zwei Gruppen geteilt. Die eine Hälfte tauschte kampf- und actionlastige Sendungen gegen ruhige, sozial erzählte Programme. Die Sehdauer blieb ausdrücklich gleich.

Nach sechs Monaten war das Sozialverhalten dieser Kinder messbar besser. Nach zwölf Monaten hielt der Effekt an. Am stärksten profitierten Jungen aus Familien mit wenig Geld.

Christakis und Kollegen (2013), Pediatrics 131(3). Randomisierte kontrollierte Studie, der verlässlichste Studientyp, den es gibt.

Wenn du aus diesem Heft nur einen Satz mitnimmst, dann diesen: Die Auswahl ist der Hebel, nicht die Uhr.

Das ist deshalb so entlastend, weil die offiziellen Zeitempfehlungen für die meisten Familien unerreichbar sind. Weltweit halten nur etwa ein Viertel der unter Zweijährigen die Empfehlung ein, gar nicht zu schauen. Und nur gut ein Drittel der Drei- bis Fünfjährigen die Ein-Stunden-Grenze.

Wenn drei von vier Familien eine Regel verfehlen, ist die interessantere Frage nicht, wie man das schlechte Gewissen vergrößert.

Auch die Fachwelt hat sich bewegt. Die amerikanische Kinderärztegesellschaft hat ihre Empfehlungen im Januar 2026 grundlegend geändert und rückt bewusst von reinen Zeitlimits ab. Kritisiert werden stattdessen Endlos-Feeds, automatisches Weiterspielen, Empfehlungsalgorithmen und Werbung an Kinder. Nicht die Uhr ist das Thema, sondern wie die Angebote gebaut sind.

Was dieses Heft macht

Es gibt dir neun Fragen an die Hand, mit denen du jede Kindersendung einschätzen kannst. Nicht nur unsere. Du brauchst dafür keine Fachkenntnis, nur einmal Mitschauen. Alles, was hier steht, ist mit Quelle belegt, und das Verzeichnis am Ende ist vollständig.

ZUERSTWarum dein Bauchgefühl dich hier täuscht

Die naheliegendste Art, eine Sendung zu beurteilen, ist auch die unzuverlässigste: zu schauen, ob dein Kind sie mag.

Ein Forschungsteam zeigte Kindern verschiedener Altersstufen zwei Fassungen desselben Videos. Einmal normal, einmal zerstückelt: Reihenfolge zerhackt, Sprache unverständlich gemacht. Bild und Ton waren gleich bunt und gleich laut, nur der Sinn war weg. Gemessen wurde, wie lange die Kinder hinschauten.

AlterVideo mit SinnVideo ohne Sinn
6 Monate9,2 Sekunden8,9 Sekunden
12 Monate8,2 Sekunden8,0 Sekunden
18 Monate14,6 Sekunden8,4 Sekunden
24 Monate23,1 Sekunden9,5 Sekunden

Pempek und Kollegen (2010), Developmental Psychology 46(5).

Die ersten beiden Zeilen sind der Punkt. Kinder unter etwa eineinhalb Jahren schauen auf einen sinnlosen Bildersturm genauso lange wie auf eine echte Geschichte. Für ihre Aufmerksamkeit macht es keinen Unterschied, ob überhaupt etwas erzählt wird.

Dass dein Kind gebannt vor dem Bildschirm sitzt, ist kein Qualitätsurteil über die Sendung. Manchmal ist es das Gegenteil.

Der Grund ist ein Reflex, den niemand abstellen kann. Jeder Schnitt, jeder Zoom, jedes plötzliche Geräusch löst eine unwillkürliche Hinwendung aus. Man kann sie messen, weil die Herzfrequenz danach für vier bis sechs Sekunden absinkt.

Das ist keine Entscheidung des Kindes. Genauso wenig, wie du beschließen kannst, bei einem lauten Knall nicht zusammenzuzucken.

Dazu kommt ein zweiter Effekt: Je länger ein Blick auf den Bildschirm schon andauert, desto unwahrscheinlicher wird es, dass dein Kind wegschaut. In dieser Phase ist es auch für alles andere schlechter erreichbar. Für sein Spielzeug, für ein Geschwisterkind, und eben auch für deine Stimme.

Das ist die Erklärung für den Satz, den fast jede Familie kennt: Er hört mich gar nicht mehr. Er hört dich tatsächlich schlechter. Das ist kein Trotz.

HINTER DEN KULISSENWoran du erkennst, wie eine Sendung gemacht ist

Sendungen entstehen nach Entscheidungen. Jemand hat festgelegt, wie oft geschnitten wird, ob ein Sturz wehtut und ob am Ende jemand tröstet. Diese Entscheidungen lassen sich auszählen, und genau das haben Forschende getan.

Wie mit Schmerz umgegangen wird

Ein Team der Universität Calgary hat über 52 Stunden Kinderfilme und Serien für Vier- bis Sechsjährige ausgewertet, darunter Paw Patrol, Peppa Wutz, Toy Story und Frozen. Gezählt wurde jeder Moment, in dem eine Figur Schmerz erlebt. Es waren 454.

8,7Schmerzmomente pro Stunde
79 %davon entstehen durch Gewalt
41 %ohne mitfühlende Reaktion, obwohl jemand zusieht

Mueri und Kollegen (2021), Fachzeitschrift PAIN 162(3).

Nur etwa jeder fünfte Schmerz war Alltagsschmerz, also Hinfallen oder Anstoßen. Schmerz durch Krankheit, Arztbesuch oder Impfung kam praktisch überhaupt nicht vor. Ausgerechnet die Schmerzen, die Kinder wirklich erleben, fehlen fast vollständig.

Ein Nebenbefund, der es in sich hat: Männliche Figuren erlebten häufiger und stärkeren Schmerz, aber die anderen Figuren reagierten mitfühlender auf weibliche. Jungen leiden also öfter und werden seltener getröstet.

Das ist keine Anklage, sondern eine offene Stelle. Eine Sendung, in der ein Sturz wehtut und danach jemand da ist, erzählt eine wahrere Geschichte. Und sie zeigt deinem Kind etwas, das es im echten Leben braucht.

Wie Konflikte ausgehen

Die bis heute größte Untersuchung dieser Art wertete über drei Fernsehsaisons rund 10.000 Programmstunden aus.

73 %der Gewaltszenen bleiben ohne Bestrafung oder Reue
58 %zeigen beim Opfer keinerlei Schmerz
4 %der gewalthaltigen Sendungen haben eine Anti-Gewalt-Botschaft

National Television Violence Study, Sage 1997 und 1998. Erhebungsjahre 1994 bis 1997, USA.

Für Kinder unter sieben ist ein Detail besonders relevant: Diese Kombination aus sympathischem Täter, fehlender Konsequenz und fehlendem Opferleid findet sich am häufigsten ausgerechnet in Zeichentrickfilmen. 46 Prozent aller Fernsehgewalt spielt dort, und in zwei von drei Fällen wird sie humorvoll erzählt.

Ob das Kinder aggressiver macht, ist unter Fachleuten seit Jahrzehnten umstritten, und wir behaupten es nicht. Was man ohne jede Kausalbehauptung sagen kann: Ein Streit, der sich auflöst, ist für ein Kind lehrreicher als einer, der einfach vorbei ist.

Ob verkauft wird

In Österreich ist Werbung, die sich direkt vor oder nach Kindersendungen an Kinder richtet, im ORF gesetzlich verboten. Der Gesetzgeber hält sie also für so heikel, dass er sie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk untersagt. Auf freien Videoplattformen greift dieser Schutz faktisch nicht.

Eine Auswertung von Videos, die Kinder unter acht tatsächlich angesehen hatten, ergab: 95 Prozent enthielten Werbung, 45 Prozent bewarben ein Produkt, und nur 4 Prozent hatten einen erkennbaren Bildungswert.

Das ist keine Geschmacksfrage. Eine Auswertung von 80 Studien mit über 19.000 Kindern im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation zeigt: Lebensmittelwerbung bringt Kinder dazu, mehr zu essen. Das ist durch kontrollierte Experimente belegt, nicht nur beobachtet.

Dazu kommt: Kinder unter etwa acht Jahren können die Absicht hinter Werbung noch gar nicht erkennen. Wenn eine Serienfigur zugleich ein Produkt ist, ist die Grenze zwischen Geschichte und Verkauf für ein Kind unsichtbar.

DAS WERKZEUGDie neun Fragen

Setz dich einmal dazu. Du musst keine Folge zu Ende schauen, fünf Minuten reichen für die meisten Fragen.

1Könnte mein Kind die Geschichte nacherzählen?Verständlichkeit ist ab dem zweiten Lebensjahr der Faktor, der am stärksten darüber entscheidet, ob eine Sendung ankommt. Was ein Kind nicht versteht, kann es nicht verarbeiten. Es reagiert dann nur noch auf Reize.
Pempek u. a. 2010; Fisch 2000
2Passieren ständig Dinge, die es in Wirklichkeit nicht gibt?Gemeint ist nicht Fantasie oder Märchen, sondern Slapstick, in dem die Regeln der Welt permanent brechen: Figuren stürzen von Klippen und laufen weiter, Körper verformen sich und schnellen zurück. Solche Sendungen belasten die Selbststeuerung von Vier- und Fünfjährigen kurzfristig messbar. Eine Auswertung von 16 Studien mit fast 1.300 Kindern hat den Effekt bestätigt.
Lillard u. a. 2015; Hinten u. a. 2025
3Wie klingt es, wenn ich die Augen schließe?Der am meisten unterschätzte Punkt. Kleine Kinder können Geräusche noch nicht so gut trennen wie Erwachsene und brauchen deutlich bessere Bedingungen, um Sprache herauszuhören. Läuft Musik unter der Erklärung, kommt die Erklärung schlechter an. In Experimenten zerstörten Soundeffekte, die nicht exakt zur Handlung passten, die Lernleistung von Ein- bis Anderthalbjährigen vollständig.
Barr u. a. 2009 und 2010; Erickson und Newman 2017
4Hört die Folge auf, oder läuft die nächste von selbst?In einem dreiwöchigen Versuch mit 24 Familien senkte automatisches Weiterspielen die Selbststeuerung der Drei- bis Fünfjährigen messbar, verlängerte die Sehdauer und zwang Eltern häufiger zum Eingreifen. 71 Prozent der Kinder mochten die Version ohne Autoplay lieber.
Hiniker u. a. 2018
5Wird meinem Kind hier etwas verkauft?Der Punkt mit der stärksten Beweislage. Gibt es die Figur als Plüschtier, als Becher, als Rucksack? Dann ist die Sendung auch ein Katalog, und dein Kind kann das nicht durchschauen.
Boyland u. a. 2022; Kunkel u. a. 2004
6Wenn sich jemand wehtut: Tut es weh, und tröstet jemand?Siehe die Zahlen auf der vorigen Seite. Eine Sendung, in der ein Sturz wehtut und danach jemand da ist, gibt deinem Kind ein Bild davon, wie Menschen miteinander umgehen.
Mueri u. a. 2021
7Darf sich etwas wiederholen?108 Vorschulkinder sahen fünf Tage hintereinander dieselbe Folge. Die Aufmerksamkeit brach nicht ein. Im Gegenteil: Die Kinder machten jedes Mal aktiver mit, verstanden mehr und übertrugen die gezeigten Lösungswege sogar auf neue Probleme. Wenn dein Kind dieselbe Folge zum zehnten Mal will, ist das kein Grund für ein schlechtes Gewissen. So lernen Kinder.
Crawley u. a. 1999; Barr u. a. 2007
8Bleiben die Figuren dieselben?Kleinkinder lernen von einer vertrauten Figur nachweislich besser als von einer unbekannten. Ein kleiner, stabiler Figurenkreis ist deshalb kein Mangel an Abwechslung, sondern ein Vorteil.
Lauricella, Gola und Calvert 2011
9Steht mein Kind danach auf und spielt?Der beste Hinweis, dass etwas angekommen ist. Hier ist die Forschungslage dünner als bei den anderen acht Punkten, das sagen wir dazu. Aber eine britische Studie mit 195 Familien fand, dass Kinder mit ruhigen, sozial erzählten Lieblingssendungen deutlicher im Teilen zulegten.
Tower u. a. 1979; McHarg und Hughes 2021

Diese neun Fragen gibt es auch als eine Seite zum Ausdrucken, für den Kühlschrank. Du findest sie auf miritv.com.

FÜR HEUTE ABENDDas mit dem Ausschalten

Für die meisten Familien ist das der eigentliche Konfliktpunkt. Und hier gibt es einen Befund, der fast allen Ratgebern widerspricht.

Zuerst: Du bist damit nicht allein. In einer repräsentativen Umfrage unter rund 1.000 Eltern sagten 37 Prozent, Medienkonsum mache ihre Kinder nervös und reizbar. 47 Prozent haben deswegen häufig ein schlechtes Gewissen. Gleichzeitig sehen 58 Prozent eine Erweiterung des Wortschatzes. Das Bild ist gemischt, nicht düster.

Eine Beobachtungsstudie dokumentierte über zwei Wochen jeden einzelnen Bildschirm-Übergang in 28 Familien. 59 Prozent verliefen neutral, 19 Prozent sogar positiv, 22 Prozent endeten im Konflikt. Also nicht jedes Mal ein Drama, aber ungefähr jedes fünfte Mal.

Die Zwei-Minuten-Warnung macht es schlimmer

Dieselbe Forschungsgruppe prüfte, welche Strategien den Übergang erleichtern. Die naheliegendste, also die Vorwarnung, funktionierte nicht. Die Erstautorin fasste es so zusammen: Wie immer man die Daten auch drehte, die Zwei-Minuten-Warnung machte es schlechter.

Am reibungslosesten lief es, wenn der Inhalt selbst ein Ende hatte. Die Folge war zu Ende, also war Schluss.

Hiniker, Suh, Cao und Kientz (2016), Proceedings der CHI-Konferenz.

Die Erklärung liegt nahe. Eine Vorwarnung kündigt einen Verlust an, gibt deinem Kind aber nichts an die Hand, um damit umzugehen. Ein Ende, das aus der Geschichte kommt, tut das nicht.

Deshalb ist Autoplay nicht nur eine Frage der Sehdauer. Es nimmt dir den einzigen Moment weg, in dem Aufhören leicht ist.

Und was daneben liegt, macht einen Unterschied

Eine Befragung von 654 Familien untersuchte, was Kinder vor heftigen Reaktionen beim Ausschalten schützt. Das Ergebnis war unerwartet: Nicht die Selbststeuerungsfähigkeit des Kindes half, und auch nicht gemeinsame Aktivitäten wie Lesen oder Malen. Was half, war regelmäßiges Spiel mit echtem Spielzeug.

Vier Dinge, die du heute Abend ausprobieren kannst

  • Autoplay abschalten, wo es geht.
  • Die Folge zu Ende laufen lassen, statt mittendrin abzubrechen.
  • Den Countdown weglassen. Er hilft nachweislich nicht.
  • Dafür sorgen, dass etwas zum Spielen in Reichweite liegt, wenn der Bildschirm ausgeht.

Was sonst im Alltag hilft

Lass nichts nebenbei laufen. Das ist der am besten belegte negative Befund der ganzen Kindermedienforschung. In einem Versuch spielten 50 Kleinkinder je eine halbe Stunde mit und ohne laufendes Erwachsenenfernsehen im Hintergrund. Sie schauten dabei weniger als einmal pro Minute hin. Trotzdem waren ihre Spielphasen deutlich kürzer und ihre Konzentration schlechter.

Der Grund: Bei laufendem Hintergrundfernsehen sprechen Eltern messbar weniger und verwenden weniger neue Wörter. Und die an ein Kind gerichtete Sprache ist der stärkste bekannte Faktor für seine Sprachentwicklung.

Schau mit und frag nach. Gemeinsames Schauen hängt mit besserer Sprachentwicklung zusammen. Entscheidend ist aber, was du dabei tust: In einem Vergleich von vier Varianten half nicht die Anwesenheit der Eltern, sondern das offene Fragen. Also nicht erklären, sondern dein Kind erzählen lassen.

Nutze Bildschirmzeit nicht als Belohnung, Strafe oder Beruhigung. Wer den Fernseher zur Währung macht, macht ihn wertvoller, als er ist. Ein Kind, das für gutes Benehmen eine Folge bekommt, lernt vor allem, dass diese Folge etwas Besonderes ist. Und ein Kind, das damit beruhigt wird, übt nicht, sich selbst zu beruhigen.

Die letzte Stunde vor dem Schlafen bleibt frei. Hier gibt es eine der wenigen randomisierten Studien im ganzen Feld. 105 Familien mit Kindern zwischen 16 und 30 Monaten, der Schlaf wurde nicht abgefragt, sondern mit Messgeräten erfasst. Der Verzicht in der letzten Stunde verbesserte die Schlafqualität deutlich. Ehrlich dazu: Auf die Aufmerksamkeit der Kinder hatte es keinen messbaren Effekt. Es hilft dem Schlaf, nicht der Konzentration.

Keine Geräte im Kinderzimmer. Eine Auswertung von 20 Studien mit über 125.000 Kindern fand: Schon der bloße Zugang zu einem Gerät im Schlafzimmer war mit schlechterem Schlaf verbunden, auch wenn es gar nicht benutzt wurde.

Und red mit deinem Kind über das, was es schaut. Nicht nur über Regeln und Gefahren, sondern über die Lieblingsfigur. Warum mag es die? Was macht die so besonders? Das ist keine Kontrolle, das ist Interesse, und es ist die Grundlage dafür, dass dein Kind später von sich aus erzählt, wenn ihm etwas komisch vorkommt.

ZUM NACHSCHLAGENWie viel ist eigentlich empfohlen?

Diese Frage kommt am häufigsten, deshalb hier die offiziellen Werte. Mit einer wichtigen Einordnung darunter.

AlterEmpfehlung
0 bis 3 Jahremöglichst bildschirmfrei
3 bis 6 Jahrehöchstens 30 Minuten an einzelnen Tagen, in Begleitung
6 bis 9 Jahrehöchstens 30 bis 45 Minuten an einzelnen Tagen
9 bis 12 Jahrehöchstens 45 bis 60 Minuten täglich, kein eigenes Gerät vor 9

S2k-Leitlinie „Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend" (2023), federführend die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Die österreichischen Kinder- und Jugendärzte empfehlen bis 2 Jahre keine Bildschirmzeit, danach bis zum Vorschulalter höchstens 30 Minuten täglich. Die Weltgesundheitsorganisation nennt für 2 bis 4 Jahre höchstens eine Stunde.

Und jetzt die Einordnung

Diese Zahlen beruhen auf einem Expertenkonsens, nicht auf einer systematischen Auswertung aller Studien. Sie sind deutlich strenger als das, was die Weltgesundheitsorganisation und die amerikanischen Kinderärzte empfehlen.

Vor allem aber: Kaum jemand hält sie ein. Eine Auswertung internationaler Studien zeigt, dass nur etwa ein Viertel der unter Zweijährigen bildschirmfrei aufwächst und nur gut ein Drittel der Drei- bis Fünfjährigen die Ein-Stunden-Grenze schafft. In Deutschland schauen Zwei- bis Fünfjährige im Schnitt 67 Minuten am Tag.

Wenn du diese Werte überschreitest, bist du nicht die Ausnahme. Du bist die Mehrheit.

Wir nennen die Zahlen trotzdem, weil sie eine sinnvolle Richtung angeben. Aber sie sind ein Kompass, kein Prüfungsergebnis. Und sie sagen nichts darüber, was in diesen Minuten läuft. Genau das ist der Teil, den du beeinflussen kannst, und nach allem, was die Forschung hergibt, ist es auch der wirksamere.

EINORDNUNGVier Dinge, die du oft liest und die nicht stimmen

Über Kinder und Bildschirme wird viel Alarmierendes geschrieben. Vier der häufigsten Behauptungen halten der Prüfung nicht stand.

„Das Gehirn kann nicht zwischen echt und Fernsehen unterscheiden."Das ist falsch. Die Hirnforschung hat inzwischen konkrete Mechanismen identifiziert, mit denen das Gehirn Vorgestelltes von Wahrgenommenem trennt. Richtig ist nur die viel schwächere Aussage, dass Medienreize teilweise dieselben Gefühlsareale aktivieren wie echte Erlebnisse. Das ist etwas anderes.
„Schnelle Videos machen süchtig, weil sie Dopamin ausschütten."Für diese Behauptung gibt es keine Studie an Kindern und Kindersendungen. Sie stützt sich üblicherweise auf Forschung zu Suchterkrankungen oder Übergewicht bei Erwachsenen. Der Sprung von dort zu Zeichentrickfilmen ist wissenschaftlich nicht gedeckt.
„Immer mehr Kinder haben ADHS wegen der Bildschirme."Die einzige bevölkerungsrepräsentative deutsche Erhebung, die KiGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts, zeigt für ADHS-Diagnosen über zehn Jahre keinen Anstieg, sondern einen Rückgang um etwa einen Prozentpunkt.
„Bildschirme verursachen Sprachstörungen."Die Zahlen sind real und hoch: In Deutschland bekommt etwa jedes fünfte sechsjährige Kind eine Sprachtherapie verordnet. Eine Ursache folgt daraus aber nicht. Bessere Früherkennung, ausgeweitete Vorsorge, Fehldiagnosen bei mehrsprachigen Kindern und soziale Ungleichheit erklären viel davon. Die niedersächsischen Schuleingangsuntersuchungen mit rund 224.000 Datensätzen sind hier deutlich: 25,4 Prozent aller Kinder hatten Sprachdefizite, aber 43,2 Prozent der Kinder aus bildungsbenachteiligten Familien.

Was man stattdessen sagen kann, und was auch völlig reicht: Sprache lernen Kinder im Wechselgespräch. Eine Logopädin aus Oberösterreich hat es so formuliert: Fernsehen und Videoplattformen sind keine interaktiven Tätigkeiten, sondern Einbahnstraßen in Bezug auf Kommunikation.

Und ein letzter Gedanke zur Einordnung

Beim Lesen solcher Hefte entsteht leicht der Eindruck, man müsse alles richtig machen. Das stimmt nicht. Die Effekte in dieser Forschung sind durchweg klein. Was dein Kind schaut, ist einer von vielen Einflüssen und bei weitem nicht der stärkste.

Vorlesen, gemeinsam essen, draußen sein, mit dir sprechen: All das wiegt mehr.

ZUM SCHLUSSWarum wir das aufgeschrieben haben

Diese neun Fragen sind nicht nur ein Ratgeber. Sie sind unser Produktionshandbuch. Jede Folge auf Miri TV wird daran gemessen, bevor sie online geht, und zwar von uns beiden persönlich.

Was das konkret heißt: Wir schneiden im Schnitt alle 15,6 Sekunden. Zum Vergleich haben wir nachgemessen, wie schnell andere Kindersendungen geschnitten sind.

SendungEin Schnitt alle
Miri TV, Durchschnitt über 20 Folgen15,6 Sekunden
Sendung mit der Maus, Fassung von 19919,6 Sekunden
Peppa Wutz4,7 Sekunden
Sendung mit der Maus, Fassung von 20224,1 Sekunden
Sesamstraße3,5 Sekunden
Paw Patrol2,8 Sekunden

Eigene Auszählung, Miri TV 2025. Gemessen wurde die durchschnittliche Anzahl Sekunden zwischen zwei Schnitten.

15,6 Sekunden bedeutet: Dein Kind hat für jedes Bild Zeit genug, um zu sehen, was passiert, und zu verstehen, warum. Wir nennen das Raum für eigene Gedanken, zwischen jedem Bild.

Bemerkenswert ist auch der Blick zurück. Dieselbe Sendung mit der Maus war 1991 mehr als doppelt so ruhig geschnitten wie heute. Der Markt ist schneller geworden, nicht die Kinder.

Dazu kommt der Rest der Liste: kein Autoplay, keine Cliffhanger, keine Werbung, keine Figur, die es als Plüschtier gibt. Ruhige Tonebene, ganze Sätze, ein kleiner und gleichbleibender Figurenkreis. Und Geschichten, in denen ein Sturz wehtut und danach jemand da ist.

Wenn du es ausprobieren möchtest

Auf miritv.com kannst du Miri TV eine Woche lang kostenlos testen. Kein Autoplay, keine Werbung, kein Algorithmus. Und wenn du nach dieser Woche bei etwas anderem bleibst: Die neun Fragen funktionieren auch dort.

ZUM NACHLESENQuellen

Alle Studien mit vollständiger Angabe. Du findest jede davon über den Titel in jeder Suchmaschine. Unsere ausführliche Sammlung mit rund 60 ausgewerteten Arbeiten steht auf miritv.com.

Wie Kinder Bildschirminhalte verarbeiten

Anderson, D. R., Choi, H. P. & Lorch, E. P. (1987). Attentional inertia reduces distractibility during young children's TV viewing. Child Development, 58(3), 798 bis 806.

Fisch, S. M. (2000). A capacity model of children's comprehension of educational content on television. Media Psychology, 2(1), 63 bis 91.

Fisher, J. T., Keene, J. R., Huskey, R. & Weber, R. (2018). The Limited Capacity Model of Motivated Mediated Message Processing. Annals of the International Communication Association, 42(4), 270 bis 290.

Pempek, T. A., Kirkorian, H. L., Richards, J. E., Anderson, D. R., Lund, A. F. & Stevens, M. (2010). Video comprehensibility and attention in very young children. Developmental Psychology, 46(5), 1283 bis 1293.

Gestaltung: Tempo, Ton, Inhalt

Barr, R., Wyss, N. & Somanader, M. (2009). The influence of electronic sound effects on learning from televised and live models. Journal of Experimental Child Psychology, 103(1), 1 bis 16.

Barr, R., Shuck, L., Salerno, K., Atkinson, E. & Linebarger, D. L. (2010). Music interferes with learning from television during infancy. Infant and Child Development, 19, 313 bis 331.

Erickson, L. C. & Newman, R. S. (2017). Influences of Background Noise on Infants and Children. Current Directions in Psychological Science, 26(5), 451 bis 457.

Hinten, A. E., Scarf, D. & Imuta, K. (2025). Meta-Analytic Review of the Short-Term Effects of Media Exposure on Children's Attention and Executive Functions. Developmental Science, 28.

Lang, A., Bolls, P., Potter, R. F. & Kawahara, K. (1999). The effects of production pacing and arousing content on the information processing of television messages. Journal of Broadcasting and Electronic Media, 43(4), 451 bis 475.

Lillard, A. S., Drell, M. B., Richey, E. M., Boguszewski, K. & Smith, E. D. (2015). Further examination of the immediate impact of television on children's executive function. Developmental Psychology, 51(6), 792 bis 805.

Was in Kindersendungen gezeigt wird

Boyland, E., McGale, L., Maden, M., Hounsome, J., Boland, A., Angus, K. & Jones, A. (2022). Association of Food and Nonalcoholic Beverage Marketing With Children and Adolescents' Eating Behaviors and Health. JAMA Pediatrics, 176(7), e221037.

Common Sense Media & Radesky, J. (2020). Young Kids and YouTube: How Ads, Toys, and Games Dominate Viewing.

Federman, J. u. a. (1996 bis 1998). National Television Violence Study, Band 1 bis 3. Thousand Oaks: Sage.

Kunkel, D. u. a. (2004). Report of the APA Task Force on Advertising and Children. American Psychological Association.

Linke, C., Stüwe, J. & Eisenbeis, S. (2017). Überwiegend unnatürlich, sexualisiert und realitätsfern. TelevIZIon, 30(2), 14 bis 17.

Mueri, K., Kennedy, M., Pavlova, M., Jordan, A., Lund, T., Neville, A., Belton, J. & Noel, M. (2021). The sociocultural context of pediatric pain: an examination of the portrayal of pain in children's popular media. PAIN, 162(3), 967 bis 975.

Was hilft

Barr, R., Muentener, P., Garcia, A., Fujimoto, M. & Chávez, V. (2007). The effect of repetition on imitation from television during infancy. Developmental Psychobiology, 49(3), 196 bis 207.

Christakis, D. A., Garrison, M. M., Herrenkohl, T., Haggerty, K., Rivara, F. P., Zhou, C. & Liekweg, K. (2013). Modifying media content for preschool children: A randomized controlled trial. Pediatrics, 131(3), 431 bis 438.

Crawley, A. M., Anderson, D. R., Wilder, A., Williams, M. & Santomero, A. (1999). Effects of repeated exposures to a single episode of the television program Blue's Clues. Journal of Educational Psychology, 91(4), 630 bis 637.

Lauricella, A. R., Gola, A. A. H. & Calvert, S. L. (2011). Toddlers' learning from socially meaningful video characters. Media Psychology, 14(2), 216 bis 232.

Madigan, S., McArthur, B. A., Anhorn, C., Eirich, R. & Christakis, D. A. (2020). Associations Between Screen Use and Child Language Skills. JAMA Pediatrics, 174(7), 665 bis 675.

McHarg, G. & Hughes, C. (2021). Prosocial television and prosocial toddlers. Infant Behavior and Development, 62, 101526.

Strouse, G. A., O'Doherty, K. & Troseth, G. L. (2013). Effective coviewing. Developmental Psychology, 49(12), 2368 bis 2382.

Tower, R. B., Singer, D. G., Singer, J. L. & Biggs, A. (1979). Differential effects of television programming on preschoolers' cognition, imagination, and social play. American Journal of Orthopsychiatry, 49(2), 265 bis 281.

Alltag, Ausschalten, Schlaf, Hintergrundfernsehen

Carter, B., Rees, P., Hale, L., Bhattacharjee, D. & Paradkar, M. S. (2016). Association Between Portable Screen-Based Media Device Access or Use and Sleep Outcomes: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Pediatrics, 170(12), 1202 bis 1208.

forsa im Auftrag der BKK Mobil Oil (2020). Umfrage zum Medienkonsum von Kindern, rund 1.000 Eltern.

Pickard, H., Chu, P., Essex, C., Goddard, E. J., Baulcombe, K., Carter, B., Bedford, R. & Smith, T. J. (2024). Toddler Screen Use Before Bed and Its Effect on Sleep and Attention: A Randomized Clinical Trial. JAMA Pediatrics.

Gavrilova, M. & Veraksa, N. (2024). Not EF skills but play with real toys prevents screen time tantrums in children. Frontiers in Psychology, 15, 1384424.

Hiniker, A., Heung, S. S., Hong, S. & Kientz, J. A. (2018). Coco's Videos: An Empirical Investigation of Video-Player Design Features and Children's Media Use. Proceedings of CHI 2018.

Hiniker, A., Suh, H., Cao, S. & Kientz, J. A. (2016). Screen Time Tantrums. Proceedings of CHI 2016, 648 bis 660.

Pempek, T. A., Kirkorian, H. L. & Anderson, D. R. (2014). The Effects of Background Television on the Quantity and Quality of Child-Directed Speech by Parents. Journal of Children and Media, 8(3), 211 bis 222.

Schmidt, M. E., Pempek, T. A., Kirkorian, H. L., Lund, A. F. & Anderson, D. R. (2008). The effects of background television on the toy play behavior of very young children. Child Development, 79(4), 1137 bis 1151.

Zahlen, Leitlinien, Einordnung

AAP Council on Communications and Media (2026). Digital Ecosystems, Children, and Adolescents: Policy Statement. Pediatrics, 157(2), e2025075320.

Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin u. a. (2023). S2k-Leitlinie „Prävention dysregulierten Bildschirmmediengebrauchs in Kindheit und Jugend". AWMF-Registernummer 027-075.

McArthur, B. A., Volkova, V., Tomopoulos, S. & Madigan, S. (2022). Global Prevalence of Meeting Screen Time Guidelines Among Children 5 Years and Younger. JAMA Pediatrics, 176(4), 373 bis 383.

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2024). miniKIM-Studie 2023: Kleinkinder und Medien.

Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (2023). Empfehlungen zum Mediengebrauch.

Weltgesundheitsorganisation (2019). Guidelines on physical activity, sedentary behaviour and sleep for children under 5 years of age. Genf.

Niedersächsisches Landesgesundheitsamt (2024). Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchung vor, während und nach der Corona-Pandemie.

Robert Koch-Institut (2018). ADHS bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Journal of Health Monitoring, 3(3).

Wissenschaftliches Institut der AOK (2016). Heilmittelbericht 2016. Datenbasis 2015. Bestätigt durch AOK NordWest (2025).

Zusammengestellt von Miri TV im August 2026 auf Basis einer Auswertung von rund 100 Fachquellen, darunter 18 Metaanalysen und systematische Übersichtsarbeiten. Alle Zitationen wurden gegen Verlagsseiten, medizinische Fachdatenbanken oder institutionelle Veröffentlichungen geprüft. Dieses Heft ersetzt keine ärztliche oder pädagogische Beratung. Wenn du dir um die Entwicklung deines Kindes Sorgen machst, sprich mit deiner Kinderärztin oder deinem Kinderarzt.

Wenn du das Gefühl hast, dass das zu dem passt, was du deinem Kind zeigen möchtest: Bei uns kannst du eine Woche lang kostenlos schauen, ohne Zahlungsdaten. Und wenn nicht, nimm die neun Fragen einfach mit. Sie funktionieren bei jeder Sendung.

Eine Woche kostenlos ansehenZur Studiensammlung

Wenn es neue Studien gibt, sagen wir Bescheid

Kein wöchentlicher Newsletter. Wir melden uns nur, wenn sich an der Forschung etwas ändert, das für euren Alltag zählt. Abmelden mit einem Klick.

Mit dem Abonnieren stimmen Sie unseren Nutzungsbedingungen und der Datenschutzrichtlinie zu.